Risiken und Diversifikation
Wer Geld verleiht, kann es verlieren. Was das konkret bedeutet, wie sich das Risiko verteilen lässt — und was Diversifikation nicht leisten kann.
Kurz gesagt
- Crowdlending ist eine Anlage mit Verlustrisiko und nicht durch die Einlagensicherung geschützt.
- Drei Risiken zählen: Ausfallrisiko (Kreditnehmerin zahlt nicht), Liquiditätsrisiko (Geld ist bis Laufzeitende gebunden) und Plattformrisiko (Anbieter selbst gerät in Schwierigkeiten).
- Diversifikation über viele Kredite senkt den Schaden je Einzelausfall spürbar — CHF 10 000 auf 100 statt auf 2 Kredite verteilt senkt den Verlust bei einem Ausfall von 50 % auf 1 %.
- Streuung wirkt gegen einzelne Ausfälle, nicht gegen systematisches Risiko wie eine Rezession, die viele Kredite gleichzeitig trifft.
Crowdlending ist eine Anlage mit Verlustrisiko, kein Sparprodukt. Anders als Bankeinlagen ist ein Crowdlending-Investment nicht durch die Einlagensicherung geschützt. Es gibt keine Garantie, kein Sicherungsvermögen und keine staatliche Absicherung. Wer investiert, sollte nur Geld einsetzen, dessen Ausfall er verkraften kann.
Warum es überhaupt Zins gibt
Der Zinssatz ist kein Geschenk, sondern eine Vergütung — unter anderem dafür, dass jemand ein Ausfallrisiko übernimmt. Je höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kredit nicht zurückgezahlt wird, desto höher der Zins. Ein auffällig hoher Zinssatz ist deshalb kein besonders gutes Angebot, sondern ein Hinweis auf ein besonders hohes Risiko.
Daraus folgt eine unbequeme Einsicht: Ein Portfolio aus lauter hochverzinsten Krediten ist kein renditestarkes Portfolio, sondern ein riskantes. Die erwartete Rendite ergibt sich erst nach Abzug der Ausfälle — und die treten bei hohen Zinsen häufiger ein.
Die drei Risiken im Einzelnen
Ausfallrisiko
Die Kreditnehmerin kann oder will nicht mehr zahlen. Das ist das offensichtlichste Risiko und das, gegen das sich am wirksamsten etwas tun lässt — durch Streuung.
Ein Ausfall bedeutet nicht automatisch Totalverlust. Bei einemRatenkredit sind bis dahin oft schon Amortisationen zurückgeflossen. Und die Plattform betreibt in der Regel ein Inkasso, das einen Teil der Forderung noch eintreibt — je nach Fall über Monate oder Jahre. Wie viel am Ende zurückkommt, ist im Einzelfall sehr unterschiedlich.
Liquiditätsrisiko
Das Geld ist bis zum Ende der Laufzeit gebunden. Wer es zwischenzeitlich braucht, hat ein Problem — Crowdlending ist keine Anlage, aus der man kurzfristig aussteigt.
Manche Plattformen betreiben einen Zweitmarkt, auf dem sich Anteile an andere Anlegerinnen verkaufen lassen. Das mildert das Problem, löst es aber nicht: Ob sich ein Käufer findet und zu welchem Preis, ist nicht garantiert — und gerade dann am schwierigsten, wenn viele gleichzeitig verkaufen wollen.
Ein Unterschied, der hier praktisch wird: Bei einemRatenkredit fliesst über die gesamte Laufzeit monatlich Geld zurück, mit dem sich rechnen lässt. Bei einemendfälligen Darlehen kommt bis zum Schluss nur der Zins — das Kapital erst ganz am Ende.
Plattformrisiko
Gerät die Plattform selbst in Schwierigkeiten, stellt sich die Frage, wer die laufenden Kredite weiter verwaltet, die Zahlungen zuordnet und im Ausfall das Inkasso führt. Der Kreditvertrag besteht zwar zwischen Anlegerin und Kreditnehmer und geht nicht unter — aber ohne funktionierende Verwaltung wird die Durchsetzung mühsam.
Das ist kein theoretisches Risiko. In der Schweiz sind mehrere Plattformen wieder vom Markt verschwunden — durch Konkurs, durch Löschung oder durch Rückzug der Eigentümerin. Welche das sind und wie es dazu kam, steht in derPlattform-Übersicht.
Wer das Risiko einschätzen will, schaut auf handfeste Anhaltspunkte: Wie lange besteht die Gesellschaft? Gibt es eine Revisionsstelle, oder wurde auf die Revision verzichtet? Wie ist die Eigentümerstruktur? Auch diese Angaben stehen in der Übersicht.
Wie Diversifikation wirkt
Diversifikation heisst, denselben Betrag auf viele Kredite zu verteilen statt auf wenige. Der Effekt lässt sich an einem Rechenbeispiel zeigen.
| Aufteilung | Betrag je Kredit | Verlust bei einem Ausfall | Anteil |
|---|---|---|---|
| 2 Kredite | CHF 5000 | CHF 5000 | 50 % |
| 10 Kredite | CHF 1000 | CHF 1000 | 10 % |
| 50 Kredite | CHF 200 | CHF 200 | 2 % |
| 100 Kredite | CHF 100 | CHF 100 | 1 % |
Der Mechanismus ist simpel: Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Kredit ausfällt, steigt mit der Anzahl — aber der Schaden je Ausfall sinkt schneller. Bei breiter Streuung tragen die Zinsen der übrigen Kredite den Verlust, statt dass ein einzelner Ausfall das ganze Jahresergebnis auslöscht.
Genau nach diesem Prinzip arbeiten auch Banken. Kein Kreditinstitut setzt auf wenige grosse Engagements — es kalkuliert mit einer Ausfallquote über ein breites Portfolio und deckt sie über die Zinsmarge. Der einzige Unterschied beim Crowdlending: Diese Arbeit macht niemand für Sie.
Was Diversifikation nicht kann
Streuung hilft gegen einzelne Ausfälle. Sie hilft nicht gegen Entwicklungen, die alle Kredite gleichzeitig treffen.
In einer Rezession steigen Arbeitslosigkeit und Firmenkonkurse — und damit die Ausfälle im gesamten Portfolio, unabhängig davon, auf wie viele Kredite es verteilt ist. Dasselbe gilt für branchenspezifische Einbrüche, wenn das Portfolio zufällig auf eine Branche konzentriert ist, oder für regionale Krisen. Fachlich heisst das systematisches Risiko: der Teil, der sich nicht wegstreuen lässt.
Wer streut, sollte deshalb auf mehreren Ebenen streuen — über Kreditarten, Branchen, Laufzeiten und Risikoklassen. Und im Bewusstsein, dass ein schwieriges Wirtschaftsjahr das Ergebnis trotzdem drücken kann.
Praktische Anhaltspunkte
- Klein anfangen und aufbauen. Ein Portfolio entsteht über Monate. Wer die gesamte Summe auf einmal in wenige verfügbare Kredite legt, ist schlechter gestreut als jemand, der laufend kleine Beträge investiert.
- Rückflüsse wieder anlegen. Bei Ratenkrediten kommt monatlich Kapital zurück. Wird es erneut investiert, wächst die Streuung mit der Zeit von selbst.
- Nicht nur auf den Zins schauen. Die höchsten Zinsen stehen bei den riskantesten Krediten. Eine Mischung über Risikoklassen ist meist sinnvoller als die Jagd nach dem Maximum.
- Auf die Laufzeitstruktur achten. Wer ausschliesslich in endfällige Darlehen investiert, hat lange keine Rückflüsse — und kann entsprechend lange nicht nachstreuen.
- Nur freies Geld einsetzen. Kein Geld, das in absehbarer Zeit gebraucht wird, und keines, dessen Verlust weh täte.
Steuern
Zinserträge aus Crowdlending sind in der Schweiz steuerbares Einkommen und in der Steuererklärung anzugeben; die offenen Kreditforderungen zählen zum steuerbaren Vermögen. Die Plattformen stellen dafür in der Regel einen Jahresausweis aus.
Wie Verluste aus Ausfällen behandelt werden, hängt von der kantonalen Praxis und den Umständen ab. Bei grösseren Beträgen lohnt sich eine Abklärung mit der Steuerberatung oder der kantonalen Steuerverwaltung.
Eine historische Fussnote
Dass Diversifikation beim Crowdlending überhaupt möglich ist, war nicht immer selbstverständlich. Nach damaliger Auslegung des Einlagebegriffs durfte ein Kredit von höchstens 20 Geldgebern finanziert werden — wer breiter streuen wollte, stiess an eine regulatorische Grenze. Genau diesen Widerspruch griff die Branche in der Vernehmlassung zur Fintech-Regulierung auf: Eine Regel zum Anlegerschutz untergrub das wirksamste Mittel des Anlegerschutzes. Mehr dazu in derGeschichte des Crowdlending in der Schweiz.
Häufige Fragen
- Ist mein Geld bei Crowdlending durch die Einlagensicherung geschützt?
- Nein. Crowdlending ist eine Anlage mit Verlustrisiko, kein Sparprodukt — es gibt keine Garantie, kein Sicherungsvermögen und keine staatliche Absicherung.
- Welche Risiken bestehen beim Crowdlending?
- Drei: Ausfallrisiko, wenn die Kreditnehmerin nicht mehr zahlen kann; Liquiditätsrisiko, weil das Geld bis zum Laufzeitende gebunden ist; und Plattformrisiko, falls der Anbieter selbst in Schwierigkeiten gerät.
- Wie stark senkt Diversifikation das Verlustrisiko bei einem Ausfall?
- Bei CHF 10 000 auf 2 Kredite verteilt bedeutet ein Ausfall einen Verlust von 50 %; auf 100 Kredite verteilt sinkt derselbe Ausfall auf 1 % des Portfolios. Rein arithmetisch, ohne Annahme zu Ausfallwahrscheinlichkeiten.
- Kann Diversifikation jedes Risiko beim Crowdlending ausgleichen?
- Nein. Sie wirkt gegen einzelne, unabhängige Ausfälle, nicht gegen systematisches Risiko — etwa eine Rezession, die viele Kredite im Portfolio gleichzeitig trifft.